Auszüge aus dem Buch ››8‹‹ (Untertitel ››Stories‹‹) von Linus Lumpitzsch

Auszüge aus dem Buch ››8‹‹ (Untertitel ››Stories‹‹) von Linus Lumpitzsch
››DAS HAUS‹‹
Sie alle blieben wie angewurzelt an der Stelle stehen, an der sie sich in dem Augenblick aufgehalten hatten, als sie das Klock Klock Klock gehört hatten. Noch immer waren diese Auftritte – jene langsamen aber zielstrebigen Schritte – auf dem Holzboden des Dachgeschosses zu hören.
Keiner sagte etwas. Sie alle blickten gespannt zu den Holztreppenstufen, die sie sehen konnten. Sie führten von dem Dachboden zu ihnen herunter ins erste Stockwerk. Die Situation stellte sich so dar, als warteten sie direkt darauf, jene Person zu empfangen.
Nun waren keine Schritte mehr zu hören. Wer immer dort war, musste bei den Holztreppenstufen angelangt sein…
Alle blieben stumm, ihrer aller Atem stockte und sie blickten gespannt auf den oberen Treppenabsatz, den sie gerade noch sehen konnten. Gleich musste dort jemand die Treppenstufe betreten. Das Auftreten ertönte wieder, aber keiner konnte glauben, was sich ihm nun offenbarte. Die Holztreppenstufen bogen sich leicht und knarrten. So, als stiege jemand diese Treppe hinab. Kleine Abdrücke bildeten sich im Sandstaub, aber niemand war zu sehen.

››SMOKING MAN AND SHOOTED LOSERS‹‹
Irgendwann meinte ein Kinobesitzer: ››Wenn ich’s mir so recht überlege, gibt es diese Reihe wohl nicht mehr, Kinder. Das war damals eine Pfundstrilogie. Ich weiß noch, wie begeistert ich mir diese Western angesehen habe. Aber ihr wart damals noch kaum auf der Welt …‹‹
Damit stahl er ihnen einen Großteil jener Hoffnung, die sie wieder entwickelt hatten. Diese Suche war zu ihrer Lebensaufgabe geworden. Nichts war für die beiden so wichtig wie ihr Ziel, endlich diese Trilogie aufzutreiben.
Als sie das Kino wieder verlassen hatten, meinte Emilio genervt: ››Das ist absoluter Dreck. Wir werden diese Filme nicht finden, auch nicht, wenn ich der Präsident der Vereinigten Staaten werde.‹‹
Tom hatte ihn angesehen und beim Gedanken daran, Emilio würde Präsident werden, mussten beide lachen. Das war ungefähr so, als werde ein ernster und bissiger Schuldirektor Komiker. Das eine war einfach nicht mit dem anderen zu vereinigen.
Emilio hatte viele gute Eigenschaften an sich. Eine davon war der Optimismus, der die beiden erst hatte weitersuchen lassen. So wurde die Suche wieder verstärkt und in allen Film-Lexika nachgelesen, in denen etwas über diese Trilogie stehen konnte. Das Verlangen danach, diese Filmreihe endlich in den Händen halten und dann anschauen zu können, verließ die beiden nicht.

››DAS FOTO‹‹
Seine Pupillen weiteten sich, während er das Bild lange fragend und vollkommen irritiert anstarrte. Emilie war aufgestanden, um sich etwas zu knabbern zu holen und bekam deshalb von seiner merkwürdigen Reaktion überhaupt nichts mit.
››Was ist eigentlich mit Liv und Billy? Wollten die nicht vorbeischauen, sobald wir wieder da sind?‹‹ hörte er sie weit, weit entfernt fragen. Eine Schranktüre schlug zu. Er war sehr auf das Bild fixiert und erst im Nachhinein in der Lage gewesen, bewusst ihre Worte aufzunehmen. Den Blick konnte er nicht von dem Foto abwenden, das ihn fesselte. Schließlich ließ er es mit zittrigen Händen doch in seiner Hosentasche verschwinden.

Der Chinese lachte schallend und klopfte sich auf seine Schenkel. Sein kleines Zimmer war trotz geöffnetem Fenster vollkommen verraucht. ››Es hat funktionielt‹‹, freute er sich. Vor Lachen vibrierte sein zierlicher Körper.

››EIN ANDERES LEBEN‹‹
››Jad. Wie wäre es, wenn du jetzt heimgehst? Ich sehe mir die Post an.‹‹ Wieder verstand Smooder nichts mehr. Normalerweise hätte Albert ihm jetzt ein Bier angeboten und die beiden hätten sich auf der Terrasse über die neuesten schlechten Filme lustig gemacht. Oder sie hätten auf Alberts großem Sportgelände eine Runde Tennis gespielt. Aber Weekles derzeitiges Verhalten war ihm völlig fremd. So war Al, wie ihn die meisten einfach nur nannten, niemals gewesen. Er war seltsam nachdenklich.
››Wie du meinst. Ich hoffe, du nimmst dir das mit Lisa nicht so zu Herzen. Übrigens sollst du nächsten Dienstag in der ›Tonightshow‹ auftreten. Aber da sprechen wir dann morgen darüber.‹‹
Eigentlich konnte Jad froh sein, nach einer Stunde wieder heimgehen zu können. Das wäre er auch gewesen, wenn ihm nicht das stark veränderte Verhalten von Al aufgefallen wäre.
Wie konnte ein millionenschwer reicher Mensch derart unglücklich sein?
››Okay, Jad. Wir sehen uns dann morgen‹‹, grinste Al ihm mit einem gespielten und unechten Lächeln entgegen, als wolle er verhindern, dass sich Jad am Abend Gedanken machen würde. Albert setzte sich wieder in seinen Sessel und blickte nervös und mit stark zusammengekniffenen Augen nachdenklich vor sich hin.
Er wollte an diesem Tag nur noch seine Ruhe haben. Einige Male klingelte das Telefon und er ließ es stets weiterklingeln, bis der Anrufer die Hoffnung aufgab, ihn an den Hörer zu bekommen.

››FREUNDSCHAFT UND EINSAMKEIT‹‹
Er schmiss sofort das Buch zur Seite, als ich ihm grinsend die Hülle des Films hinhielt, den ich dabei hatte. Sie sollten wissen, dass wir in jenem Sommer sehr viel über ›Die 8 Minuten der Stille‹ gesprochen hatten. Es dauerte nicht lange, und er…

Entschuldigen Sie mich. Ich benötige eine kurze Pause. Ich werde eine Zigarette rauchen und meine Hände ausschütteln. Außerdem beginnt das Ganze nun bald … beinahe unheimlich zu werden.

Wir schlossen also diesen Videorecorder an den Fernseher an, schwuppdiwupp war alles bereit und wir sahen uns den Film an. Serafin war begeistert. Für ihn war das damals etwas total Neues, daheim zu jeder Zeit einen beliebigen Film anzusehen. Das muss man sich mal vorstellen! So ändert sich die Zeit…
An diesem Nachmittag brachte ich alles ins Rollen und heute wäre ich froh, wenn ich das nicht getan hätte.

››MISTER DEMAGE‹‹
In den letzten Tagen hatte sein Sender nur mit äußerst wenigen sensationellen Exklusivaufnahmen aufwarten können. Und dafür waren Vanessa, Phil, Steve und Axl zuständig. Oft genug, wenn auch nicht zuletzt, in Zusammenarbeit mit Mister Demage…
Vanessa Tyler hielt den Zeigefinger vor den Mund.
››Ja, ja‹‹, gab Phil von sich und stieg nach ihr die Treppenstufen des Hauses in den Keller hinab.
Dort hatte gerade eben Mister Demage/Frank Allero die letzten Vorkehrungen für sein neuestes Prachtwerk vollendet und sah nun auf die Uhr. Es war beinahe zehn Uhr siebzehn.

In knapp dreizehn Minuten würde das Haus mehr oder weniger dem Erdboden gleichgemacht werden. Das Filmteam ließ noch immer auf sich warten…
Vanessa erblickte das aufgemalte ›D‹ an der Türe. Das war das Zeichen von Demage, dass er sich in dem Raum aufhielt. Ihm war bewusst, dass er damit ein hohes Risiko einging. All der Spaß war es ihm jedoch wert, vielleicht doch einmal in den Knast einzufahren. Außerdem hatte er eine Waffe bei sich.
Vanessa klopfte an.
››Ihr könnt reinkommen.‹‹

››HANDEL‹‹
Dann klingelte das Telefon…
Nur sehr langsam nahm er wieder alles wahr. Selbst die tristen Wände, welche ihn in diesem Zimmer seit Jahren umgaben, erschienen ihm heute fremd und unheimlich.
Fäden des Traumes kehrten zurück in seinen Kopf und er sah dies alles als etwas vollkommen Realistisches. Es machte ihm Angst, woran selbst die nun einkehrende Beruhigung durch den Anblick seines vertrauten Zimmers nichts ändern konnte. Seine Knie zitterten, denn ein sich tief eingrabendes Gefühl der Angst hatte sich ausgebreitet. Auch die vertrautesten Gegenstände seines Zimmers kamen ihm bedrohlich und feindlich gesinnt vor.
Noch immer nahm er das Klingeln des Telefons nicht bewusst wahr. Mehr erschien ihm der widerliche und quälende Ton wie ein Lied, welches weit entfernt abgespielt wurde. Dann endlich orientierte er sich nach dem Klingeln und trat mit unsicheren Schritten dem Telefon entgegen.
Er ergriff den Hörer mit zittrigen und schweißnassen Händen. Zu sehr hatten ihn die Träume geängstigt, welche erst vor kurzer Zeit zu Ende geträumt waren. Nur in seinem Kopf waren sie nach wie vor aktuellste Realität.
Er sagte nichts und wartete nur ab. Dabei konnte er heißeres Atmen am anderen Ende der Leitung hören und spürte, wie sich ihm eine Gänsehaut über den ganzen Körper zog.
››Bist du bereit?‹‹ brachte eine scharfe Stimme hervor.
Er antwortete nicht sofort und benötigte eine ganze Weile, um die Frage wirklich aufnehmen zu können.
››Was?‹‹
››Bist du bereit?‹‹
Er verstand überhaupt nichts und fragte sich, ob er eigentlich wirklich existierte, oder ob er sich in einem ewig langen und simplen Traum einer anderen Person befand. Die Stimme wurde forsch und ungeduldig, aber er spürte nicht einmal dies wirklich. Etwas war mit ihm geschehen. Er konnte sich allerdings keinen Reim darauf machen, was dies denn gewesen sein mochte.
››Ich möchte wissen, ob du bereit bist.‹‹
Er inspizierte genau das große rot-weiße Reklameschild eines sehr bekannten amerikanischen koffeinhaltigen Getränkes. Das Schild hatte er über dem Telefontischchen aufgehängt.
Seine Augen fixierten den schwungvollen Schriftzug.
››Ich habe keine Ahnung, was Sie wollen. Sie haben sich verwählt.‹‹ Mit diesen Worten schmiss er, etwas von Ärger begleitet, den Hörer auf die Gabel. Er betrachtete noch immer das Schildchen, wobei er durch das sichere Gefühl begleitet wurde, dass sich dieser seltsame Mann nicht verwählt hatte. Er spürte, dass es seine Berufung sein musste, dem zu folgen, was der Anrufer von ihm wünschte.
Das Telefon klingelte erneut.
››Was wollen Sie von mir?‹‹ fragte er unsicher und fühlte sich unbehaglich.
››Deine Seele‹‹, antwortete der Anrufer vollkommen ernst und ruhig.

››DUNKELHEIT & SONNENSCHEIN‹‹
Dave Gradies stand noch immer verkrampft vor der Brüstung und blickte steif geradeaus, während er das Geländer fest umklammerte. Er wusste, dass er bald springen würde, ließ mit der rechten Hand das Geländer los und schmiss Augenblicke später die Zigarette hinunter, die sich ohnehin furchtbar schlecht hatte rauchen lassen. Er warf sie dahin, wohin er nicht sehen wollte: in die Tiefe.
Er hielt inne, dachte verzweifelt nach, hatte alles und zugleich nichts in seinen Gedanken, lauschte, schloss für Momente voller Leere die Augen und dachte weiter nach, wartete ab. So verweilte er einige Zeit und bemerkte den Mann nicht sofort, als dieser aus der Türe stieg und das Dach betrat. Der Regen machte diese Geräusche an diesem Tag zunichte.
Langsam und vorsichtig näherte sich Alan. Er hatte keine Wahl. Wenn er nun den Mann auffordern würde, zu ihm zu kommen, würde der sich möglicherweise total aufgelöst, vielleicht auch erschreckt und beschämt, in die Tiefe stürzen. Alan musste sich vorsichtig und abtastend erkenntlich machen. Der junge Mann dort vor dem Geländer musste sich an die Anwesenheit einer anderen Person in dieser für ihn derart intimen Situation gewöhnen können.
Alan McKrigley wählte – recht mutig – die von ihm ›Leise-räuspern-Methode‹ genannte Möglichkeit. Er sah dabei auf den Rücken des Mannes, starrte auf den Mantel, welchen der junge Mann trug.
Dave spürte die Veränderung sofort. Nicht, weil er ein Räuspern gehört hätte. Der Regen ließ selbst diese Geräusche keine zwei Meter vorankommen, fraß sie stattdessen auf. Und das war genau jene Entfernung, die Alan noch von dem jungen Mann trennte. Sein Instinkt teilte ihm die Veränderung mit. So wie man in der Dunkelheit spürte, wenn man nicht alleine war…

Website zum Buch: http://www.hitchten.de/8stories/

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